Das Missverständnis der sogenannten digitalen Transformation

Khalil Bawar Unkategorisiert 4 Comments

Ein Essay von Reinhard Plückthun.

 

Kennen Sie sich noch aus in der heutigen Wirtschafts-Welt? Alles ist so digital, so disruptiv, so agil und so verwirrend. Jeden Tag wird in den Medien, digital oder analog, beschworen, dass wir mitten in einem digitalen Tsunami sitzen und es nun wirklich ernst wird. Man kann einfach nicht mehr so weitermachen wie bisher. Und so machen sich Horden von Vorständen und ihre „leitenden“ Manager auf ins Silicon Valley. Dort vermuten sie den heiligen Gral der „digitalen Transformation“. Sie hoffen auf Antworten auf ihre Fragen: „Wie werden wir innovativer, agiler, kreativer und was zur Hölle ist eigentlich dieses Design Thinking“?

Touriprogramm für Top Manager

Im Valley treffen sie auf junge, dynamische und kreative Menschen, die damit beschäftigt sind, die Besucher-Gruppen durch bunte, hippe „Creative Spaces“ zu lotsen. Sie zeigen ihnen, was so alles geht in einer offenen Atmosphäre mit Bälle-Bädern, Kickertischen, Rutschbahnen und beschreibbaren Wänden. Die Besucher wollen auch beschäftigt werden, also gibt es auch eine „Design-Thinking-Power-Session“. Die Krönung des Touristenprogrammes für Neudigitale: Ein Treffen mit den Hipster-Tech-Stars der Start Up Szene. Oder zumindest mit den übriggebliebenen Hipstern, die zu solchen Treffen noch Zeit, Lust und Nerven haben. Das Ganze wirkt wie eine gute einstudierte Show. Wie ein Disney Land für digitale Neulinge. Jeder hat seinen Spaß und die Manager kommen ganz beseelt und voller Tatendrang in ihre Unternehmen zurück. Jetzt wird alles anders. Jetzt wird die digitale Rakete gezündet.

Nach der Rückkehr in die durchgestylten Vorstands-Etagen wird das Gelernte sofort umgesetzt: „Leute, wacht auf! Ich weiß jetzt, wie Innovation geht! Als erstes bitte alle Design Thinking lernen. Dann die Bürowände niederreißen. Alles muss offener, bunter und kommunikativer werden!“. Die Vorstandsbüros bleiben natürlich davon verschont, man hat ja schließlich Kundenkontakt.

Fazit

Nach den unzähligen Methoden- Trainings, nach den neuen „Büro-Welten“ und den Einzel- Workshops und Hackathons mit den örtlichen Start-Ups? Es tritt die große Ernüchterung ein. Irgendwie versteht man diese Welt nicht, findet keinen Zugang zu ihr.

Design Thinking?! „Ja, ja, haben wir gemacht. Bringt nichts“ Kreativ- Räume?! „Klar, haben wir. Aber da werden meist nur die üblichen Meetings abgehalten. Eben wie früher.“ Start-Ups? „Die verstehen unser Business nicht wirklich. Das Ganze hat nur Zeit, Nerven und Geld gekostet.“

Die Konsequenz: Die anfängliche Dynamik schläft ganz langsam wieder ein. Es geht wieder weiter mit „business as usual“.

Dieser beschriebene Vorgang belegt ein großes Missverständnis, das bei vielen Unternehmen (und teilweise in der öffentlichen Meinung) vorherrscht. Es reicht definitiv nicht, einen Raum umzugestalten, ein Modell auszuprobieren und mit jungen Start Ups zu reden, um sein Unternehmen auf die digitale Realität einzustellen.

Diese Einstellung entspricht nämlich einer alten Denke: Für jedes Problem gibt es einen passenden Knopf. Effizienzsteigerung, Prozessoptimierung, flachere Organisation und Lean Management – Knopf gedrückt und – schwupps – kommen Heerschaaren von geschniegelten und bestens ausgebildeten Beratern und bieten die passende Lösung. Doch in Wahrheit produziert die Beratungs-Industrie nur Tonnen von Papier und unzählige Powerpoint-Präsentationen, die keiner versteht. Ob es funktioniert? Keine Ahnung aber „man hat alles getan, um das Problem zu lösen“.
Nun aber ist auf einmal alles anders. Es gibt nämlich nicht den passenden Knopf, um das Problem mit dem digitalen Wandel zu lösen. Dazu ist dieser zu umfassend, zu allmächtig. Der Wandel hat Auswirkungen auf das gesamte System: Organisation, Märkte, Prozesse, Kunden, Medien, Vertriebswege, alles verändert sich mit der „Digitalisierung“.

WAS also tun?

Nun, wir möchten zunächst einmal aufführen, wie es nicht geht: Viele Unternehmen beauftragen ein externes Team junger Entwickler damit, in hippen Labs oder Hubs ihre Strukturen zu modernisieren. Möglichst in Berlin, weil man sich von den bärtigen Spezialisten in der Hauptstadt die größte credibility erhofft. Die Unternehmen sind stolz auf ihre erkaufte Innovationsfähigkeit und schieben gleich einen Venture Fond mit hohen Euro-Beträgen hinterher.
Und im heimischen Unternehmen? Dort wird die Zukunfts-Arbeit in Berlin beobachtet ohne ein Teil davon zu sein, schließlich ist man kein „Digital Native“. Die Superstars der Szene werden es schon richten, mit den entsprechenden Honoraren versteht sich. In der der Unternehmenszentrale jagt dagegen ein Sparprogramm das nächste.

Das Ergebnis eines solchen Prozesses: Es entsteht eine Front zwischen der „alten Welt“ und der „neuen Welt“. In der „alten Welt“ lasen sich über Jahrzehnte gewachsene Strukturen kaum davon beeindrucken, was die „neue Welt“ da in Berlin so veranstaltet. Beide Welten verstehen sich nicht. Und beide finden nicht zueinander.

Am Ende manifestiert sich das Ganze zu einem großen Missverständnis. Die Hoffnung, mit den Start Ups innovativer und kreativer zu werden, ist geplatzt.

Unser Gedankenansatz

Seit vielen Jahren sprechen wir mit unterschiedlichen Unternehmen über ihre Anstrengungen, darauf eine Antwort zu finden. Im ersten Schritt müssen wir dabei Aufklärungsarbeit betreiben. Was vielen nicht bewusst ist, ist die Tatsache, dass die „Digitalisierung“ kein modischer Trend ist, sondern eine feste Realität in unserer Lebenswelt, der sich jeder Mensch, jedes Unternehmen stellen muss. Und dazu reichen nicht aktionistische Maßnahmen, die nur die Oberfläche ankratzen ohne nachhaltig zu wirken, wie z.B. Werte-Konzepte, Re- Brandings, Social Media Kampagnen oder ein neues, fancy wirkendes Türschild. Der benötigte Wandel ist tief, umfasst alle Bereiche und verlangt ein neues Denken. Für diesen Wandel bedarf es eines Dreiklanges aus Raum (Orte, an denen Neues entstehen kann), Mensch (der gewillt ist, Neues zu schaffen und dem das Vertrauen dafür entgegengebracht wird) sowie Methoden (um die Fähigkeiten zu erlernen und täglich anzuwenden, WIE Neues entstehen kann).

Fehlt nur eine dieser drei Zutaten, schmeckt die Suppe nicht. Die wichtigste Voraussetzung aber ist der Glaube der verantwortlichen Vorstände, den Weg der digitalen Transformation zusammen mit den eigenen Mitarbeitern zu gehen. In jedem Unternehmen gibt es unter den vielen Mitarbeitern auch welche, die bereit sind, an der digitalen Zukunft ihres Unternehmens zu arbeiten. Wandel lässt dich nicht diktieren, sondern muss von allen verstanden, mitgetragen und umgesetzt werden. Nur zusammen lässt sich die Reise in die digitale Zukunft bewältigen.

Also machen wir uns in vertrauensvoller Zusammenarbeit eng mit den zuständigen Verantwortlichen in Vorstands- und Führungs-Etagen auf die gemeinsame Reise. Learning by Doing! Wir erleben auf dieser Reise viele Abenteuer, machen hier oder dort auf einer Insel halt, umschiffen einige Klippen, trotzen den einen oder anderen Sturm und halten die Mannschaft auf Kurs. Alles was es dazu braucht, ist ein neues Verständnis, dass Probleme sich nicht auf Knopfdruck lösen lassen. Denn der entscheidende KPI der Zukunft ist nicht die repetitive Problemlösung wiederkehrender Herausforderungen, sondern die Anpassungsfähigkeit und die kreative Kompetenz, sich als Organisation schnell und stetig neu zu orientieren und zu erfinden.

Und nachdem die Mannschaft dann auf Kurs ist und gelernt hat, die nächsten Herausforderungen eigenständig zu umschiffen, ziehen wir uns als „Reise-Begleiter und Navigatoren“ wieder zurück. Es ist etwas Neues entstanden: Zuversicht, kreative Energie, Ideenreichtum und die Fähigkeit, die digitale Zukunft selbst im Unternehmen zu gestalten. Es geht eben auch ohne Missverständnisse.

Comments 4

  1. Danke, Reinhard, Deine Analyse hat mich sehr angesprochen. Etwas unklar blieb mir dann am Ende, was Du/Ihr genau anders macht. Mir blieb mehr von den gefühlten 70% des Textes hängen, wie es nicht geht. Diese Analyse ist scharf und stechend, wenn auch ein wenig polemisierend. Darauf mit dem Dreiklang von Ort, Leuten und Methoden zu antworten, wirkte auf mich nicht klar richtungsweisend genug, um Appetit auf mehr zu machen. Ausgeklammert wird dabei, das die Konzernriesen unter hohen Kostendruck ächzen und die Mitarbeiter so ausgebrannt sind, das es nahezu unmöglich ist sie nachhaltig zu motivieren. Ich stelle da die Kanzlerfrage: Ist die Zeit der Monolithen vorbei und deren Kollaps die Lösung?

    p.s.: Das Foto ist Klasse. Mach Lust Dich mal wieder zu treffen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.