Design ist die Zukunft. Und das Problem.

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Was unser Verhältnis zu modernen Technologien anbelangt haben wir uns in eine bizarre Sackgasse manövriert.
Es lässt sich nicht leugnen, dass sich in dem Bereich der Technologie, mit dem fast jeder heute im Büro oder privat in Berührung kommt, ein außergewöhnliches Ungleichgewicht eingestellt hat. Die Waage schlägt eindeutig zu sehr in Richtung einer fordernden dominanten Technik aus.

Aber eine Mischung aus fahrlässiger (nicht vorsätzlicher) Arroganz der Technikmacher und einem unterentwickelten Selbstbewusstsein der Techniknutzer hat zu allerlei absurden Entwicklungen geführt.

Dabei sollte das Kräfteverhältnis doch eigentlich geklärt sein: Der Mensch, seit Jahrtausenden auf dieser Welt, mit Intelligenz und Erfahrung ausgestattet versus dem Computer, der mit künstlich intelligentem Getöse versucht darüber hinweg zu täuschen, dass er bislang gerade mal die 1 von der 0 zu unterscheiden vermag.
Wer sollte sich da wohl wem anpassen? Die Menschheit hat sich entwickelt, um sich der natürlichen Umwelt anzupassen. Um zu Überleben und sich weiterzuentwickeln. Davon, dass wir uns dem Computer unterordnen war nie die Rede.

Der Mensch ist analog und biologisch determiniert.
Er ist gegenüber Fehlern tolerant und kann weit über die verfügbaren Informationen hinaus den Dingen einen Sinn geben. Sein Ziel ist es, zu überleben.

Das des Computers ist Effizienz. Er ist weitgehend digital und funktioniert mechanistisch. Er reagiert auf unerwartete Ereignisse mit einer Fehlermeldung und hat, wenn überhaupt, nur mit immenser Rechenpower die Chance intelligent zu wirken.
Stattdessen treibt er den Nutzer mit seiner systembedingten Intoleranz und seinem fordernden Wesen immer mehr in die Defensive oder direkt in die Revolte.

Aber Rettung naht. Denn zum Glück ist die Technologie heute so leistungsfähig, dass im Grunde kaum etwas technisch völlig undenkbar ist.
Somit können oder könnten sich alle darauf konzentrieren, die Anforderungen der Nutzer genauer zu verstehen und dann Geräte zu entwickeln, die ihm nicht alles hochkomplex, sondern einfach und intuitiv bedienbar anbieten. Die immer noch fern am Horizont erscheinende künstliche Intelligenz und die Segnungen von Big Data helfen uns zumindest heute im alltäglichen Kampf mit der Technik noch nicht weiter.

Dabei könnten wir uns zwanglos aus dem Technologiebauchladen bedienen und so Produkte und Services entwickeln, auf die wir schon alle warten. Dem Designer kommt dabei, ob beim Produkt- oder Interfacedesign, eine entscheidende Rolle zu.

Leider verlieren sich Designer heutzutage noch allzu oft und gern in selbstgezimmerten Nischen (Produkt-, Interface-, Screen-, Web-, Graphic- Service- … design). Nur wenige werden der Herausforderung und der zentralen Rolle des Designs in einer digital realen Welt gerecht. Hierin liegt das grösste Risiko, denn die Schnittstelle zwischen realer und digitaler Welt, zwischen Mensch und Maschine, muss dringend umfassend und integrativ gestaltet werden.

Mein Freund und Wegbegleiter Jan-Erik Baars zieht einen interessanten Vergleich mit einem Orchester, in dem sich viele hochtalentierte Individuen darin versuchen, ein beeindruckendes Erlebnis für das Publikum zu erschaffen. Oder eben auch nicht.

Für viele Designgattungen, von der CI über Produkt, Grafik, UI, Web bis hin zur Kommunikation, sind die anderen ‘Kollegen’ nicht Teil eines orchestrierten Zusammenspiels, sondern meist unbekannte Wesen, die mit dem eigenen Spiel nichts zu tun haben, oder auch nicht zu tun haben sollen! Ein offenes aufeinander Zugehen habe ich nur selten erlebt und ist nach wie vor dem Engagement von wenigen Einzelkämpfern überlassen.

Design ist die fehlende Verbindung zwischen uns in der realen Welt und der Technik in einem schier endlosen digitalen Universum. Und da sich beide Welten zunehmend in- und übereinander verschränken (Internet of Things) muss sich das Interface von einer einfachen Schnittstelle (unsere Finger auf dem Screen unseres iPads) zu einer komplexen User Experience mit multiplen Ebenen, Touchpoints und virtuell-reallen Funktionen entwickeln. Natürlich ohne die Komplexität zu zeigen. Damit würde förmlich das Gorilla Glas unseres Smartphones gesprengt, um die Funktionen, Algorithmen und Daten mit der Welt menschlicher Intelligenz, Emotion und Unvorhersehbarkeit zu verbinden.

Wie schafft so eine Ansammlung von hochbegabten Musikern es, sich gemeinsam so perfekt abzustimmen und was für eine Rolle spielt der Dirigent hierin? Warum braucht man den Dirigenten überhaupt, können die verschiedenen Instrumentalisten sich nicht selber untereinander abstimmen? Warum funktioniert hier gemeinsames Musizieren nicht mehr über die Kommunikationsstrukturen unter den Musikern, sondern durch eine Art von „Unterordnung“?

Wir brauchen dringend einen solchen Designdirigenten, der ebenso weiss, welche Bedeutung der Eckradius eines Icons hat oder die taktile Erfahrung des Nutzers mit dem physischen Gerät. Aber vor allem brauchen wir jemanden, der diese vielen kleinen Elemente zu einer übergeordneten User experience zusammenführen kann.

In manchen Unternehmen ist der CEO der Dirigent oder es findet sich ein ‘Musiker’, der diese Rolle übernimmt und die Gestaltungshoheit inne hat.
Jedoch bleibt es in den meisten Unternehmen bei einer nicht koordinierten Gestaltungsdudelei.

Als ich derlei Themen für meine Vorträge untersuchte kam mir die Frage, wo denn die besten technischen Designvision zu finden sind. Eine Antwort darauf geben uns Filme, die, wenn sie gut gemacht sind, eine sehr sinnvolle und beeindruckende Art zeigen, wie wir zukünftige Technologien nutzen können. Minority Report, Odyssey 2010, The Matrix oder recht aktuell der Film “her”.

Aber warum ist das so? Die Antwort ist dreigeteilt. Zum einen kümmern sich Filmemacher nicht um die technische Machbarkeit. Macht es aus ihrer Sicht sind, dann tun sie es einfach. Zum anderen haben sie kein Geschäftsmodell oder, wonach heute immer alle suchen, kein Eco-System im Hinterkopf, das sie reich machen soll. Last but not least, sie sind ganz existentiell darauf angewiesen, dass der Zuschauer ihnen die Story abkauft und damit der Film erfolgreich wird. Jede sinnlose oder alberne Verwendung von Technologie würde die Illusion des Films zerstören.

Suchen wir die Designdirigenten! Und zwar irgendwo zwischen Filmemachern und Musikern.

siehe auch:
Jan Erik Baars “Design orchestra”
Frank Sonder “The future is ours – robots take over”

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