Der Digitale Rausch

Khalil Bawar LP 0 Comments

Gross ist das Geplapper rund um die Digitalisierung. Was aber bleibt am Ende des Tages? Vielleicht vor allem die Sehnsucht nach dem Vergänglichen.
Die digitale Gemeinschaft – oder besser: Community – gleicht einer grossen, überschäumenden WG-Feier. Agenten und Agenturen, Propheten und Jünger, Rebellen und Nutzer schwatzen und zwitschern aufgeregt durcheinander. Anders als die gesetzten und stilvollen Dinnerpartys mit klarer Sitzordnung und festen Regeln ist diese chaotische Party voll von Teenagern, die alle laut und gleichzeitig reden, um gehört zu werden. Es vergeht kaum ein Moment, in dem nicht eben eingetroffene Gäste von brandneuen, bahnbrechenden Möglichkeiten und Anwendungen erzählen, von Internetseiten und Apps, von Facebook, Flickr, You- Tube, Instagram und Tumblr. All das soll das Leben noch einfacher und effizienter machen.

Und die Revolution hat erst begonnen. So verschwindet mit der Miniaturisierung von Computerchips die Technologie immer mehr aus unserem Blickwinkel. Der nächste Schritt wird die Vernetzung von Alltagsgegenständen zu einem Internet der Dinge sein, in dem Kühlschränke mit Brieftaschen, Autos mit Herzschrittmachern und Zimmerpflanzen mit Heizungen kommunizieren. Auch die gute alte analoge Welt wird nicht verschont. Weil sich immer mehr Produkte in der virtuellen Welt auflösen und sich ganze Musiksammlungen, Bibliotheken und Fotoalben im schwarzen Loch der Digitalisierung entmaterialisieren, werden Wohnungen und Büros umgestaltet. Umdenken müssen auch Möbelhersteller. So hat Ikea jüngst sein langjähriges Erfolgsregal Billy neu gestaltet. Weil immer weniger Menschen Bücher und Musik physisch besitzen, ist die nächste Generation von Regalen zu Vitrinen transformiert worden, die neu auf das Ausstellen von Sammelobjekten wie Vasen oder Kunst ausgerichtet sind. Und selbst der Mensch scheint sich den Folgen der Digitalisierung nicht entziehen zu können. Neuropsychologen haben herausgefunden, dass sich bei häufiger Internetnutzung auch die Fähigkeiten für Multitasking und schnelles Entscheiden verbessern.

Trotz der Fortschritte und Durchbrüche – oder vielleicht gerade deswegen – beeindrucken selbst die spektakulärsten Berichte über den exponentiellen Fortschritt in der digitalen Welt aber oftmals niemanden mehr. Die aufgeregten Erzählungen vom Mooreschen Gesetz – nach dem sich die Leistungsfähigkeit von Computern alle 18 Monate verdoppelt – sind so alltäglich geworden wie der Umstand, dass Flugzeuge fliegen. Dass das Internet die Welt in den letzten 15 Jahren grundlegend verändert hat und sich die Art und Weise, wie wir uns austauschen, soziale Kontakte pflegen, Geschäfte abschliessen oder forschen, in einem rasanten Wandel befinden, pfeifen heute die Spatzen von den Dächern. Der kontinuierliche Wandel ist zur Konstanz geworden.

In diesem Umfeld der permanenten Neuerung und der zunehmenden Unmöglichkeit, die Veränderungen wahrzunehmen, ist es an der Zeit, die rauschende Party kurz zu verlassen – und der Frage nach den langfristigen Konsequenzen des Hypes nachzugehen.

Was also bleibt vom grossen digitalen Rauschen? Drei Thesen:

Ein zentrales Verdienst des Internets liegt in der Vernetzung von Institutionen, Menschen und Dingen. Doch die Komplexität der resultierenden Strukturen wächst mit jedem Teilnehmer und ist Ursache der oft zitierten Informationsüberflutung. Zwar versprechen Google und Co. seit langem Orientierung und Einfachheit. Diese wird aber laufend untergraben oder entpuppt sich als Scheinobjektivität, da sich beispielsweise die Position im Google-Ranking relativ einfach manipulieren lässt. Zwar haben sich Forscher zum Ziel gesetzt, Algorithmen zu entwickeln, die künftig aus den wachsenden unstrukturierten Datenmengen des Internets nutzbare Entscheidungsgrundlagen filtern sollen. Doch ob dies möglich sein wird, ist genauso offen wie die Frage, wann wir die langersehnte Reise zum Mars antreten werden. So bleibt die Überforderung im Umgang mit der Unordnung eine konstante Begleiterscheinung. Das mag auf den ersten Blick ernüchternd klingen, könnte sich aber durchaus positiv auf die Gesellschaft auswirken. Denn angesichts des Internetchaos erhalten alte Werte wie Eigenverantwortung und selbstständiges Denken wieder Auftrieb: Nur wer in der Lage ist, die überreichlich vorhandenen Informationen kritisch zu prüfen, kann sich wirklich neues Wissen oder eine eigene Meinung erarbeiten. So gesehen kommen wir dem aufklärerischen Ideal des mündigen Menschen einen grossen Schritt näher – allerdings nicht etwa durch die Transparenz des Internets, sondern gerade durch dessen Undurchsichtigkeit und die Notwendigkeit, sich selbst ein Bild zu machen.
Das Internet vergisst bekanntlich nicht. Was einmal online ist, bleibt ewig. Unsere digitalen Spuren verschwinden nie. Wer das verhindern will, für den gibt es bereits Agenturen, die sich auf das Löschen von unerwünschten Online-Einträgen spezialisiert haben. Während heute viele noch dem trügerischen Schein einer vermeintlichen Anonymität in der virtuellen Welt unterliegen, dürfte einerseits die Sensibilisierung für die Risiken von unüberlegten Beiträgen auf Blogs oder unvorteilhaften Fotos weiter steigen. Weil aber online nichts altert und mit Copy-Paste-Funktionen beliebig reproduziert werden kann, wächst zudem die Wertschätzung für die vergänglichen Dinge. So sehr wir die beinahe unbeschränkten Speicherungskapazitäten unseres iPod schätzen, so sehr hat das einzelne Musikalbum an Wert verloren. Und wer hat noch den Überblick über seine Tausende von Ferienfotos, Party- oder Babybilder? Die digitalen Fotoalben vergilben, ohne tatsächlich an Glanz zu verlieren: Sie werden schlicht nicht mehr beachtet. Die Sehnsucht nach physisch fassbaren Objekten, die gemeinsam mit uns altern, wächst.
Digitale Plattformen werden heute wie auch morgen zielgerichtet für den Austausch von Informationen, für Finanzmarkttransaktionen oder die Forschung genutzt. Doch ein grosser – vielleicht sogar der gewichtigste – Teil des Datenvolumens stammt von überzeugten Selbstdarstellern mit ihren selbst gedrehten Videos oder von Katzenbesitzern, die das Leben ihrer samtpfotigen Lebensgenossen mit der Welt teilen wollen. Das Internet wird – so unsere Vermutung – nicht zuletzt oder vielleicht vor allem als Plattform für all unsere Hoffnungen auf ein kleines bisschen Aufmerksamkeit in die Wikipedias des 22. Jahrhunderts eingehen. Andy Warhols berühmte 15 Minuten Berühmtheit für jeden Erdenbürger sind so nahe an der Realisierung wie noch nie zuvor. Ob die Selbstpräsentation eine über den Narzissmus hinausgehende Relevanz hat oder nicht, sei dahingestellt. Vielleicht ist es aber auch egal, denn was am Ende zählt, sind weder Ruhm noch Status, sondern die 15 Minuten herzhaften belanglosen Lachens, das in den unendlichen Weiten des digitalen Alls verhallt.

So fragt mancher sich denn auch am Tag danach, was ihm die grosse WG-Party gebracht hat. Doch auch wenn man sich nach dem Einwurf der Alka-Seltzer-Tablette all der Kontakte bewusst wird, die man lieber nicht weiterpflegen möchte: Vielleicht bleibt ja doch eine Telefonnummer, die in eine wunderbare Freundschaft münden kann.

Der Text stammt aus ABSTRAKT, Nr. 6 zum Thema “Was bleibt” von Frank Sonder und Dr. Stephan Sigrist.

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