Bewahrer gegen Erneuerer 1:0

Khalil Bawar Unkategorisiert 0 Comments

Es ist die 45. Minute. Die erste Halbzeit wird gerade abgepfiffen. Im Spiel “Bewahrer” gegen die “Erneuerer” steht es 1:0. Die Bewahrer spielten professionell ihre Defensiv-Stärke aus. Die Erneuerer rannten oft erfolgreich, weil überstürzt gegen das Abwehr-Bollwerk an oder liefen fast dilettantisch in die Abseitsfalle.

In der Halbzeitpause aber passiert etwas spielveränderndes: der Trainer der Erneuerer appelliert an den Enthusiasmus, an die Kreativität, an die unglaublich Freude am Spiel seines Teams. Der Trainer der Bewahrer aber scheint nicht mehr als die Weisheit vermittelt zu haben, das Spiel ist schon gelaufen, einfach weiter so, Kraft sparen, der Gegner ist demoralisiert. Was geschieht dann wohl nach der Halbzeit-Pause?

Wir alle sind in einer großen Halbzeitpause. Gegen Ende der Pause. Unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft, unsere Sozial-Systeme – all dies muss sich auf die zweite Halbzeit vorbereiten. Und die ruhmreiche, große Mannschaft der Bewahrer, die in den letzten Jahrzehnten alles in Sachen Spielgestaltung aufgebaut und perfektioniert hat, wird sich einem neuen Spiel in der zweiten Halbzeit stellen müssen. Die Bewahrer merken, dass ihre Spielzüge, die jahrelang erfolgreich praktiziert wurden, nicht mehr funktionieren. Es ist ja in Wahrheit ein nur mageres 1:0. Früher lag man gleich einmal 3:0 oder 4:0 vorne. Wenngleich das Spiel selten attraktiv war.

Der Schwung früherer Jahre ist weg. Man profitierte von Erfahrung und eingespielten Spielzügen. Nun aber wird das Team älter, behebiger und der große Gegener, die Erneuerer, machen es einem echt schwer. Sie spielen mit Leidenschaft. Lernen aus ihren Fehlern, greifen immer wieder mit neuer Energie an. Man braucht weder Prophet noch Bundestrainer zu sein um zu erkennen, dass dies nicht mehr lange gut gehen wird. Und eines scheint auch klar zu sein: Das Publikum dieses Spiels ist mehr und mehr gelangweilt und erhofft sich eine bessere zweite Halbzeit. Mehr Dynamik, mehr Frische, mehr unverhoffte Spielzüge – eben mehr Kreativität und Attraktivität im Spiel.

Gut, das hier ist kein Spielbericht eines Kreisliga-Spiels. Das ist aber dennoch Realität, mit der wir uns oft im NavigationLab auseinander setzen. Wir versuchen innerhalb von Unternehmen (oder Teams) neue Engergie für die zweite Halbzeit zu entwickeln. Das fällt den Spielern nicht leicht, weil sie dem großen Gegner der Bewahrer in den letzten Jahren unterlegen waren und oft mehr und mehr die Hoffnung verloren haben. Nun gilt es mit neuem Mut die Gunst der Stunde zu nutzen. Das Spiel WIRD sich ändern. Ganz eindeutig. Vieles wird in Frage gestellt. Vieles verändert sich. Die Bewahrer wollen es nicht wahr haben und werden das alte Spiel bis zum letzten Zentimeter weiter verfolgen, bis zur letzten Sekunde verteidigen. Dabei merken sie es sogar selbst, eben das ihr Spiel bereits schon jetzt verloren scheint. Mehr Mut, mehr Neues wagen, mehr ausprobieren und auch mehr scheitern wenn man daraus Lernen kann, das sind die neuen spielgestaltenden Grundlagen. Ja, ja, nicht neu aber es gilt nun nicht nur darüber zu reden sondern dies auch täglich konsequent zu spielen!

Derzeit beschäftigen wir uns u.a. mit einem Spiel das da heisst: “Wie sieht die Bank der Zukunft aus?”. Die einen sagen es braucht zukünftig gar keine Filialen mehr, die anderen sagen die persönliche Beratung kann nur in Filialen erfolgen und die besten Kunden, nämlich die Älteren, machen einen Bogen um alles was digital ist. Lösung? Wie immer wohl in der Mitte, oder?

Die Diskussion muss dabei wohl tiefergreifender geführt werden. Also nicht, ob Filiale oder nun nicht oder weniger. Sondern welchen SINN, welchen ZWECK eine Filiale zukünftig erfüllen soll. Dann kommt ja immer das berühmte Wort “Beratung” ins Spiel. Ein Netzwerk-Freund aus dem NavigationLab formulierte in einem Expert-Talk kürzlich daraufhin: “Warum heisst es heute eigentlich immer noch Bank-Berater? Ihr seid doch Verkäufer. Ihr verkauft. Wenn ihr beraten wollt, dann stellt eurer Geschäftsmodell um und nehmt diesen Auftrag ernst.” Erst dann käme man auch aus der Falle, dass digitale Kanäle zukünftig immer effizienter “verkaufen” als die physischen. Zwangsweise muss man dann aber auch in der Halbzeit-Pause das Spiel schonungslos analysieren und alles einmal in Frage stellen können. Da ist es deutlich angenehmer wenn man im Team der Erneuerer spielen darf als im Team der Bewahrer. Finden Sie nicht auch?

Foto: Winkel “Fussball”, some rights reserved, Quelle: www.piqs.de

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